Oberbürgermeisterkandidat Schill will ein Maßnahmenpaket für Barrierefreiheit.
Barrierefreiheit ist kein Luxusgut, sondern das Fundament für eine soziale und moderne Stadt. Unter dem Motto „Kaufbeuren ohne Stolperfallen“ lud Oberbürgermeisterkandidat Oliver Schill am vergangenen Dienstag in das „Grüne Wohnzimmer“ ein. Gemeinsam mit der Stadtratskandidatin und Expertin in eigener Sache, Sabine Eichinger, diskutierte er, wie Kaufbeuren zu einer Stadt für alle werden kann.
Perspektivwechsel: Wenn zwei Zentimeter zur Mauer werden
Sabine Eichinger, die als Rollstuhlfahrerin die täglichen Hürden im Stadtbild genau kennt, lieferte zum Auftakt des Abends einen eindringlichen Perspektivwechsel. „Barrierefreiheit wird oft nur als Rampe für Rollstühle missverstanden“, so Eichinger. Tatsächlich profitiere ein Viertel der Bevölkerung direkt davon – ob Senioren mit Rollatoren, Eltern mit Kinderwagen oder Menschen mit Sehbehinderungen.
„Barrierefreiheit bedeutet, dass alle Menschen Gebäude, Verkehrsmittel, öffentliche Räume und digitale Angebote selbstständig nutzen können. Also ohne fremde Hilfe“, erklärte Eichinger. Dazu gehörten stufenlose Zugänge, gut lesbare Beschilderung, akustische Signale oder barrierefreie Websites.
Besonders eindrücklich schilderte sie, wie klein scheinende Hindernisse im Alltag große Auswirkungen haben können. „Das Bild, dass eine Rollstuhlfahrerin eine zwei Zentimeter hohe Schwelle problemlos überwinden kann, ist schlichtweg falsch“, betonte Eichinger. „In der Regel ist man auf Hilfe angewiesen. Solche Schwellen an Balkon- oder Terrassentüren machen eine Wohnung für Betroffene zum Gefängnis.“
Kaufbeurens Baustellen: Vom Bahnhof bis zum Pflasterstein
In der anschließenden Analyse wurde deutlich, dass Kaufbeuren trotz bestehender Inklusionspläne noch erheblichen Nachholbedarf hat. Sabine Eichinger benannte die kritischen Punkte klar. Sie wurden bei einer von Eichinger organisierten einer „Rollstuhl“-Befahrung gewonnen:
- Der Bahnhof: Immer noch ein Nadelöhr für Mobilitätseingeschränkte. Hier haben jetzt endlich die Baumaßnahmen für die barrierefreien Bahnsteige begonnen. „Das ist ein Erfolg“, so Eichinger. „Doch wie komme ich barrierefrei zum Bahnhof und an den Bahnsteig?“
- Die Altstadt: Das historische Kopfsteinpflaster ist charmant, aber ohne ebene Laufbänder eine Qual für Räder jeder Art.
- Die Ortsteile: Viele Bushaltestellen entsprechen noch nicht den modernen Standards.
- Digitale Barrieren: Die städtische Kommunikation muss auch in „Leichter Sprache“ und für Screenreader optimiert werden.
Schills Plan: Vom Papier in die Praxis
Für Oliver Schill ist die Zeit der reinen Absichtserklärungen vorbei. Als Zweiter Bürgermeister weiß er um die Verwaltungsabläufe, als Oberbürgermeister will er die Prioritäten neu setzen. Barrierefreiheit muss stärker in den Fokus der kommunalen Politik rücken.
„Barrierefreiheit ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für echte Teilhabe“, erklärte Schill. „Wir haben einen Inklusionsplan. Das ist gut. Aber ein Plan allein baut keine Bordsteine ab“, betonte Schill. „Wir brauchen konkrete Maßnahmen, die den Menschen helfen.“
Deshalb sprach sich Schill dafür aus, ein städtisches Maßnahmenpaket zur Barrierefreiheit aufzusetzen. Besonders wichtig sei ihm die Beteiligung der Betroffenen. „Niemand kennt die Probleme besser als die Menschen, die täglich damit konfrontiert sind“, so Schill. „Darum wollen wir Hinweise aus der Bürgerschaft sammeln, gemeinsam Lösungen entwickeln und Schritt für Schritt Stolperfallen in unserer Stadt beseitigen.“
Fazit: Eine Stadt für alle
Der Abend zeigte deutlich: Barrierefreiheit verbessert nicht nur den Alltag vieler Menschen, sondern macht eine Stadt auch moderner, sozialer und attraktiver – für Bewohnerinnen und Bewohner ebenso wie für Gäste.